Über die unbekannte Seite auf den Tödi

… einer der mächtigen Gipfel der Glarner Alpen

Dem Kailash in Tibet ein bisschen ähnlich, überragt der Tödi als mächtiger Klotz alle Gipfel der Glarner Alpen. Während die meisten Gipfel-Aspiranten von der Fridolinshütte „lospilgern“, sahen wir eine großartige Überschreitung von der Planurahütte aus vor, aber …

In der SAC-Zeitschrift las ich einen Tourenbericht über die Südwestwand des Glarner Kailash von Bernd Jung (Juli/August 2021), der einen «glustig» macht. Eine einfache Akklimatisierungs-tour, eine Rundtour von Hütte zu Hütte und zum Abschluss eine anspruchsvolle Tour über die Südwestwand auf den Tödi, was will man mehr? Bernd ließ sich ebenso für die Tour begeistern, so dass die grobe Tourenplanung für 2022 stand. – Check!

Im Lauf des sonnigen Sommers mehrten sich jedoch nicht nur die Hitzeperioden, sondern Anfang August auch die Berichte von Wasserknappheit, Gletscherschwund und -abbrüchen, Steinschlag sowie von gesperrten Zustiegen und Routen. Bei einer Tour im Engelberger Tal wurden uns diese Gefahren mehr als bewusst. Also versuchen wir möglichst viele Informationen über die geplante Tour zu bekommen. Dank intensiven Abklärungen nicht nur über die sozialen Medien, entschieden wir uns notgedrungen bei diesen Bedingungen (insbesondere auf dem Bifertenfirn)  wohl oder übel auf den Glarner Kailash zu verzichten, den Tödi aber trotzdem zu umrunden.

Friedbert organisierte netterweise ein „Teilauto“ und packte Bernd, Markus und Stefan ebenfalls mit ein. Von Linthal nahmen wir nun zu fünft den Postbus zum Urnerboden Dorf. Von dort aus überwanden wir mit der Luftseilbahn die ersten Höhenmeter bis zum Fisetengrat, von wo wir unsere Tour zur Claridenhütte begannen. Eine mitfahrende Frau erheiterte unsere Auffahrt mit allerlei lustigen Geschichten über ihren Mann.

Über das Gemsfairenjoch stiegen wir bei überraschend kühlen und zugigen Bedingungen auf den Gemsfairenstock (2.971 m), und dann über den aperen Claridenfirn zur Claridenhütte ab. Hier gab es gemütliche Zimmer, in der Stube ein Cheminée, ein kulinarisches Wohlfühlprogramm und neugierige Hüttenhühner, en bref ein Besuch auf der Claridenhütte «fägt». Mich übermannte jedoch eine Erkältung, so dass  selbst ein Hopfentee mich nicht anmachte.

Die Übernachtung auf der Claridenhütte ermöglichte uns am nächsten Tag eine Akklimatisationstour auf den Clariden, bevor wir zur Planurahütte weitergingen. Halbwegs wieder fit und bei bestem Bergwetter, ging es gemächlich über den blanken und angeblich spaltenarmen Claridenfirn hoch in den Sattel. Der apere Gletscher offenbarte viele unvorhergesehene Spalten und unter vielen Umwegen sowie fragilen Gletscherbrücken, stiegen wir in Richtung Clariden auf. Am Bergschrund angekommen, war Bernd’s ganzes Kletterkönnen gefragt, um die ersten Meter über glatte Platten und ein Band auf den Nordostgrat zu überwinden. Der Gipfel entlohnte uns dafür mit traumhafter Aussicht von Ost nach West und leider stetigem Fluglärm von Helikopter-Touristen. Nach kurzer Gipfelrast, erschwerte uns ein Spaltenlabyrinth den Übergang zur Planurahütte, wo eigentlich kaum Spalten sein sollten.

Vorbei an einem mit Eisschrauben gesicherten Flugzeug ging´s an Europa´s größtem Windkolk und weiteren Helikopter-Landeplätzen in Hüttennähe vorbei zur Planurahütte. Hühner hatte die nochmals 500 Meter höher gelegene Hütte zwar nicht, dafür aber eine Panorama-Terrasse, die seines gleichen sucht, und auf der wir den herrlichen Nachmittag auf einem Outdoorsofa genossen. Von dort sahen wir die gewaltige, ursprünglich geplante Südwestwandroute ein und fachsimpelten über die Bedingungen. Nach Angaben des Hüttenwarts sei der Übergang zum Sandpass aktuell sehr anspruchsvoll und heikel. Nach einem entspannenden, feuchtfröhlichen Sonnenbad erfreuten wir uns zum z´Nacht an Älplermagronen und einem kitschig schönen Sonnenuntergang.

Anstelle der Königsetappe stiegen wir frühmorgens zum Sonnenaufgang auf den Piz Cazarauls und frühstückten anschließend ganz gemütlich. Auf dem Normalweg gingen wir über einen leichten Klettersteig nach Hintersand hinab und warfen bedächtig den ein oder anderen Blick zum markanten und mächtigen Klotz des Tödi hinüber. Anschließend querten wir über den Ochsenkopf zur Fridolinshütte und statteten der Grünhornhütte, der ältesten SAC-Hütte, noch einen Besuch ab. Sprachlos schauten wir zum Bifertenfirn hinab. Wo allerdings von dort aus ein Weg durch den spaltenreichen Gletscher zum Tödi führen sollte, das war die Frage….

Über Tierfed nahmen wir den ausgedehnten Abstieg nach Linthal unter die Beine und waren schlussendlich froh, dass wir nach 3 tollen Bergtagen die Bergstiefel wieder gegen leichte Schuhe tauschen konnten.

Abschließend kamen Fragen auf wie:
Welche Hochtouren wohl zukünftig bei immer weniger Schnee und heißeren Sommern überhaupt noch machbar sein  könnten?
Sollten es mehr Felstouren und weniger Touren mit Gletscherberührung sein?
Sind die Bedingungen eventuell am Anfang und gegen Ende des Sommers besser?
Welche Risiken sind zukünftig bei der Planung zu beachten?

Und so gingen wir achselzuckend und ohne wirklich Antworten zu finden wieder nach Hause ….

Touren-Titel Über die unbekannte Seite auf den Tödi
Zeitraum 12. – 15. August 2021
Teilnehmer Bernd Widmann, Stefan Schweizer,  Friedbert Widmann,
Markus Schneiderhahn, Benjamin Weiss
Tourenleiter Bernd Widmann
Bericht Benjamin Weiss